Immer online – was mit unserem Gehirn passiert

Smartphones waren erst der Anfang. Wir benutzen sie mittlerweile als Wecker und gehen mit ihnen ins Bett. Manche schalten nicht einmal den Flugmodus ein und werden auch nachts noch mit Nachrichten behelligt. Was das mit unserem Schlaf macht dürfte jedem halbwegs intelligenten Menschen selbst in den Sinn kommen.

Mit den Smartphones ist allerdings nicht Schluss und wir schnallen uns heute auch noch Uhren um die uns ständig an etwas erinnern und uns online bringen. Sie tracken unseren Schlaf und vibrieren wenn wir eine Nachricht oder eine andere Mitteilung erhalten.

Im Grunde gewöhnen wir uns an ununterbrochen online zu sein. Viele behaupten wir müssten das weil ja etwas Wichtiges sein könnte. Die Frage ist: wie hat der Mensch eigentlich vor 2007 überlebt? Gab es da nicht auch etwas Wichtiges und trotzdem weder Smartphone noch Smartwatch? Wie sah es vor dem Internetzeitalter aus? Das Argument, dass wir es tatsächlich brauchen oder du online sein musst ist absoluter Schwachsinn. Es ist lediglich eine Frage der Prioritäten. Möchtest du wirklich ständig online sein weil du glaubst etwas verpassen zu können oder liegt dir auch etwas daran gesund zu sein und dich wohl zu fühlen? Wie gesagt: Prioritäten. Und diese haben sich in den letzten Jahren in eine Richtung verschoben. Uns ist es wichtiger ständig erreichbar zu sein und nichts zu verpassen als dass wir glücklich, gesund und zufrieden sind. Kann man machen, wird aber nicht lange gut gehen.

Was passiert in unserem Gehirn?

Es muss natürlich eine Ursache geben warum wir unglücklich und teilweise depressiv werden obwohl der technologische Fortschritt uns mit Dingen wie Smartphones gesegnet hat.

Der Prozess ist recht einfach: Wir haben mit Smartphones, Smartwatches, Tablets, usw. einen völlig neuen Belohnungsmechanismus geschaffen. Unser Gehirn hat einen Botenstoff namens Dopamin den es ausschüttet wenn wir für etwas belohnt werden sollen das für unsere Spezies nützlich ist. Die Klassiker darunter sind Essen und Sex. Das eine brauchen wir um zu überleben und das andere um unsere Art zu erhalten. Bei beidem wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet und soll uns sagen: “hast du fein gemacht, du darfst dich jetzt gut fühlen”.

Nun ist es aber so dass wir nicht nur beim Essen und Sex dieses Dopamin ausschütten sondern auch mit Substanzen wie Koffein, Nikotin und Verhalten wie Glücksspiel oder Pornos. Mit unseren Smart-Devices haben wir jetzt ein neues Werkzeug für eine solche Dopamin Produktion – und das praktisch in unserer Hosentasche oder am Handgelenk – teilweise 24 Stunden am Tag.

  • Du bekommst eine WhatsApp
  • Ein Signalton ertönt und du weißt noch nicht was es ist
  • Deine Uhr sagt dir dass du die 10.000 Schritte Marke heute erreicht hast
  • Jemand hat dich bei Twitter erwähnt
  • Deine Mailbox erinnert dich dass du eine Nachricht hast
  • Du hast dein Handy umgedreht und weißt nicht ob es etwas neues gibt oder nicht

All das schüttet Dopamin aus. Wie du siehst musst du nicht einmal das Handy in der Hand halten. Es reicht wenn es im Blickfeld ist und die Möglichkeit besteht, dass du wichtig warst – etwa weil es lautlos gestellt ist oder du es überhört hast. Ebenfalls reicht nur der Signalton aus dass du daran erinnert wirst.

Neben Dopamin gibt es noch ein weiteres Hormon das für Stress verantwortlich ist: Cortisol. Ein dauerhaft hoher Cortisolspiegel spricht für chronischen Stress. Der führt wiederum zu Schlaf- und Energielosigkeit, Stimmungsschwankungen, Beeinträchtigung von Gehirnleistung, Depressionen, usw. Cortisol hat schon seine Berechtigung in der Natur. Es wurde zum Beispiel ausgeschüttet wenn wir in Gefahr sind. Hat uns früher ein Tiger verfolgt wurde schnell Adrenalin bereitgestellt damit wir leistungsfähiger sind und schließlich Cortisol produziert um uns in Alarmbereitschaft zu versetzen. So eine Gefahr war aber meist schnell vorüber. Heute dauert es teilweise ununterbrochen über längere Zeiträume und wir geben unserem Körper gar nicht mehr die Chance Cortisol abzubauen. Was folgt ist ein chronischer Stresszustand und der ist vor allem auf ständige Erreichbarkeit zurück zu führen.

Wie eingangs erwähnt meinen wir etwas wichtiges zu verpassen wenn wir offline sind. Das bedeutet auch, dass wir immer denken, dass etwas wichtiges passiert sei wenn wir online sind und benachrichtigt werden. Deswegen fühlst du dich auch leicht gestresst wenn du ausnahmsweise gerade keine Möglichkeit hast online zu sein. Du kannst nicht nur deine Smart-Devices nicht mehr abschalten sondern auch deinen Kopf. Das ist der chronisch hohe Cortisolspiegel.

Zusammen genommen haben wir also zwei Effekte: Dopamin und Cortisol. Beide Hormone werden durch den extensiven Gebrauch von Smart-Devices produziert. Beide haben eigentlich ihre Berechtigung in der Natur. Ohne Dopamin hätten wir keine Lust überhaupt zu essen oder uns fortzupflanzen. Ohne Cortisol wären wir nicht in Alarmstimmung wenn wir bedroht sind. Zu viel davon ist jedoch genau das was schädlich ist und auch die Antwort darauf warum wir trotz technischen Fortschritts nicht glücklicher werden. Es ist mittlerweile so, dass wir die Smart-Devices nicht benutzen, sondern sie uns benutzen.

Was aber das Ergebnis ist: wir haben keinen Aus-Knopf mehr. Dadurch dass wir immer on sind können wir nicht komplett ausschalten. Das macht sich bereits mit Schlafstörungen bemerkbar die weitere Konsequenzen mit sich bringen. Dadurch verlangsamt sich der Stoffwechsel, der Körper neigt dazu Fett aufzubauen, wir können schlechter Cortisol abbauen und starten bereits gestresst in den Tag. Wir sind also nicht unbedingt wegen zu wenig Schlaf müde sondern wegen zu schlechtem Schlaf. Wer eigentlich seine 8 Stunden geschlafen hat und trotzdem lustlos und müde ist sollte das hinterfragen.

Durch die Dauerproduktion an Dopamin und Cortisol sind wir nicht mehr in der Lage eine einzige Sache richtig zu machen. Unsere Aufmerksamkeit ist zu einem gewissen Teil immer in einer “fünften Dimension” gefangen. Diese Dimension ist die virtuelle Welt die wir nicht immer wahrnehmen können. Also was gerade in einem sozialen Netzwerk passiert wissen wir nicht. Wir bekommen lediglich Teile davon mit indem wir darüber informiert werden oder selbst nachsehen. In allen Netzwerken, jederzeit und in jeder Ecke informiert zu sein ist nicht möglich. Wir schaffen uns also unsere eigene Dimension die davon abhängt in welchen Netzwerken wir aktiv bzw. wann und wie wir dort aktiv sein wollen. Unsere Smart-Devices liefern uns dann regelmäßig Ausschnitte aus dieser Dimension. Und genau das ist das Problem weil damit ein Teil unserer Aufmerksamkeit immer darin liegt was in dieser Dimension wohl passieren oder passiert sein mag. Wir sitzen beim Essen und ärgern uns das tolle Essen nicht fotographiert und bei Instagram gepostet zu haben. Wir treiben Sport und tracken mit und fragen uns wie viele Likes wir wohl für dieses Workout erhalten werden. Wir sind gerade am Arbeiten und würden gerne wissen was in der letzten Stunde so auf Twitter passiert ist. Und so weiter.

Die Konsequenz ist die, dass wir nichts mehr anderes mit voller Aufmerksamkeit machen können – genau das ist aber für ein intensives Leben notwendig. Wenn wir Zeit mit unseren Kindern verbringen zählt nur genau das. Wenn wir durch die Natur laufen können wir nur so ihre Schönheit wahrnehmen. Wenn wir ein Buch lesen zählt nur der Inhalt. Und so weiter. Teilen wir diese Aufmerksamkeit mit der “fünften Dimension” ist es nicht mehr möglich voll und ganz in dem aufzugehen das wir gerade machen. Keine Achtsamkeit für den Augenblick, kein 100% Fokus auf die Aufgabe, kein voller Genuß schöner Dinge.